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Kontakt
Über

Melencolia

Zu den jüngsten Werken Ralf Wierzbowskis

Im Blick der Gesellschaft genießen Künstler ihre außergewöhnliche Freiheit als Einsame. Als Schüler einer Akademie sind sie noch in der Gruppe ihrer Kommilitonen in Meisterklassen aufgefangen, in der sie den Wettstreit kennen lernen, Als Autodidakt, als einer, der nicht Künstler werden, sondern einen soliden Brotberuf ergreifen sollte, sind sie doppelt einsam.

Ralf Wierzbowski ist Elektroniker geworden, hat gelernt, virtuelle Räume zu entwerfen, Schautafeln, Leitbilder, in denen er Bewegungen und Kommunikationen organisiert. Er hat ein Defizit an Sinnlichkeit  entwickelt und  eine folgenreiche Sensibilität. Daraus sind Bildgruppen entstanden:

  1. Er fand 2011 einen toten, verwesenden Vogel, hob ihn vorsichtig auf, gab ihm einen Platz in seinem Atelier, fotografierte ihn häufig und malte ihn. So fand der Melancholiker der französischen Romantik  Charles Baudelaire das Aas einer Hündin und schrieb  das berühmte Gedicht „La Charogne“ in den „Blumen des Bösen“  – mit jenem Vers:

„Die Formen schwanden hin,/ wie sie im Traum sonst schwanken,/ Wie ein Entwurf erst und ein Plan,/ auf längst vergessenem Blatt,/ der nur in den Gedanken / des Künstlers sich vollenden kann.“

Die Mischung von abstoßendem Ekel und anziehender Faszination mündet in Schwermut, Weltschmerz und Trauer über die Vergänglichkeit  seiner Geliebten – und aller Wesen und Dinge. Das ist eine andere Mischung als jene, die Künstler von Rembrandt bis Nitsch  mit Bildern von  aufgehängtem, geöffnetem Schlachtvieh zu erzeugen versuchten, in der sich Entsetzen vor blutenden Wunden und orgiastische Lust begegnen.

In der modernen Mediengesellschaft  haben sich Empfindungen differenziert, Schönheit, die Begehren erzeugt,  und Hässlichkeit, die abstößt, können sich umkehren. Ein Bild wie „Scheißhaufen. Inselbild“ von Diter Rot in der Sammlung Falkenberg steht für eine ästhetische Ambiguität, für Schönheit im Ekel. Anders als der „Scheißhaufen“ zeigt das Bild des toten Vogels gestuell eher den Grad der Erregung des Empfindenden als den Gegenstand der Irritation.

  1. Die Serie „Fleisch Bar“ besteht aus übermalten Fotografien von Schlachtvieh (Huhn, Schwein, Ochse, Fisch)  auf Aluminium. Sie ergänzen als feste, andauernde Bilder einen Film, der in schneller Folge polarisierter – man möchte sagen: entfleischter – Bilder die Verarbeitung und Präsentation der Ware  Schlachtvieh vorführt.

Die fröhliche Unbekümmertheit, deren Ausdruck in den Gemälden alter Meister von geschlachteten Tieren überwog, ist einem Unbehagen gewichen, das die Bilder Wierzbowskis nur bestätigen.

Es  spiegelt sich in der spontanen, ruppigen Zeichnung und Malerei der Bilder und in dem perfiden violetten  Glanz, den ihr  metallischer Grund aufscheinen lässt.

  1. „Die Formen schwanden hin,/  wie sie im Traum sonst schwanken….“  Wie von jenem toten Vogel so hat Wierzbowski auch von einer toten Libelle Hunderte von Fotos gemacht und einer andauernden Bewunderung Ausdruck gegeben  – für die zerbrechliche Schönheit ihrer Flügel, für die zartgliedrigen Konstruktionen dieser Flugkörper, ihre Biegsamkeit – und der Trauer um ihr Entgleiten und Entschwinden. Einige hat er für die Öffentlichkeit vergrößert und auf Aluminium aufgezogen, ohne sie zu verändern. Seine Empfindungen fanden hier keinen Feind wie dort in der Fleischindustrie oder im Straßenverkehr. Sein Blick ist nicht auf den Körper des Insektes  gerichtet, sondern projiziert die Flügel in den Luftraum zurück, für den sie geschaffen sind. Die Bilder sind heiter und scheuen nicht einen Ausdruck von Eleganz.
  1. Es wird deutlich, dass Wierzbowski nicht Wesen und Dinge interessieren, die sich in drastischer Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit präsentieren. Übergänge, Veränderungen, Zustandswechsel herrschen in den Bildern, den stehenden wie den fließenden, vor. Ein Junge – hier ein Kind, dort ein Jugendlicher – erscheint und entschwindet in mehreren seiner neuen Bilder wie das Objekt einer Begegnung, die ihn in seine eigene Kindheit zurückführt; und in den Erinnerungen tauchen Konflikte, Verletzungen und ihre Verdrängungen so auf, dass manche der Tafeln wie übermalt erscheinen – Gespensterbilder nennt man solche, aus deren Tiefe mit der Zeit  verdrängte Gestalten wieder auftauchen: die Familie in „Save“ (Sparen, aber auch Retten): eine Gruppe von Rückenfiguren wie Graffiti auf einer Schiefertafel;  in „Junge mit Schaukel“ der weiße Schatten in einem großen schwarzen Bild, der  neben  dem Schemen einer Schaukel erscheint;  im Film  schaukelt das Kind  – Schnitt – die Schaukel schwingt leer aus. Man blickt auf diese Szene im Bild durch eine gespannte Transparentfolie wie durch eine regennasse Fensterscheibe. Ein rotes großes X löscht sie aus.

Die Betroffenheit des Betrachters verwandelt sich in Furcht und Abscheu vor der Tafel des heftig ins Bild gesetzten Jungen mit der Pudelmütze, der mit der linken Hand eine Pistole ungeschickt hebt. Im Film läuft er damit durch Wald und Gestrüpp bis in eine Stadtlandschaft hinein, tänzelnd und ziellos um sich schießend (die Tonspur ist terrorisierend), als lebte er Frustrationen in einer richtungslosen Gewaltfantasie aus. Auch er verschwindet plötzlich; der Betrachter des Bildes hält sich lächelnd an dem pinkfarbenen Bommel der Pudelmütze fest.

Dem Jungen mit der Pistole steht das Kind mit dem Stock gegenüber. Auslöser war ein Spiel mit einem Stock am Rheinufer. Der kleine Film löste eine Bearbeitung und ein Bild aus, in dem die kleine Figur in sich versunken ungelenk einen Stock wie einen Golfschläger zu schwingen versucht. Die Geste allein – der linke Arm, der verdrehte Handgriff – ist eine Behauptung, ein Statement gegen die normiert richtige Bewegung nicht anders als die Sprache des Körpers, die ganz in sich selbst gewendet ist. Als Foto würden wir es einen Schnappschuss nennen. Aber kann man einen Schnappschuss malen?  Es ist, als suchte Wierzbowski Bewegungen, die nicht sichtbar sind.

  1. „Wie viel Schatten braucht Hell?“ ist eine senkrechte oder waagerechte Reihe von  sieben gleich großen weißen Tafeln, fünf sind in Varianten so schwarz bemalt, als verberge ein schwarzes Tuch ein Gesicht (eine Erinnerung an das Schweißtuch der Veronila), eine trägt eine Totenmaske, und die ist auf das siebenten Bild gerichtet, an deren Rand sich eine  Kopfsilhouette  als schwarze Linie abzeichnet. Die Totenmaske ist hier das konkreteste Abbild des Menschen, der sich in Übergängen zwischen Erscheinen und Entschwinden bewegt.

Wer das große schwarze Bild „mit den drei Augen“ von der Seite betrachtet, steht vor einer disharmonisch bewegten Landschaft, auf der sich ein großes Fragezeichen auszubreiten scheint.  Sie ist wie ein dichter „Vorhang“ über das Bild gebreitet und lässt nur wenige weiße Lichtsplitter durch – darunter jene drei „Augen“, die wie aus einem Purgatorium herausschauen.

Es sind melancholische Motive, die Wierzbowski in seinen Arbeiten der letzten zwei Jahre bearbeitet: der verwesende Vogel, die tote Libelle, Fleisch Bar, das Kind und der Junge, die sich mit Erinnerungen  mischen, Entrücken und Tod.

Sie entsprechen den Selbstdarstellungen in seiner Webseite: das halbe Gesicht, der Mann „zwischen Tür und Angel“. Ralf Wierzbowski  ist 1964 geboren, seit 1988 Künstler und hat  seit 1989 an zahlreichen Ausstellungen mitgewirkt. Er ist auch Maler und Zeichner, Fotograf und Videograf, Komponist, Objekt- und Installationskünstler. Er malt spontan und expressiv, überwiegend schwarz auf weißem Grund, er übermalt Fotos auf Aluminium und erarbeitet hybride, polarisierte Videobilder. Er versucht, feste und fließende Bilder in gestalteten Environments so zusammen zu binden, dass sie gleichwertig wahrgenommen werden, und experimentiert ebenso mit Beamern, digitalen Bilderrahmen und Requisiten, um Szenen aufzubauen, die starke Empfindungen auslösen.

Die „Schwarze Galle“, die Melancholie ist ein starkes Fundament künstlerischer Arbeit. Nicht nur Baudelaire und Michelangelo waren Melancholiker, Dürer hat die „Melencolia“ in einer berühmten Allegorie mit etlichen bis heute ungelösten Rätseln ausgerüstet. Ralf Wierzbowski ist in guter Gesellschaft.

Wolfgang Becker

September 2013 in Aachen

Biografie

Ralf Wierzbowski
geboren 1964 in Aachen | künstlerisch tätig seit 1987

2016
Viecher und wir,Gruppe Zweifellos, TUFA Kultur- und Kommunikationszentrum, Trier

2016
Marlies Seeliger-Crumbiegel Kunstpreis

2015
Kunstquelle Aachen, Galerie 45, Aachen

2015
Helden,Brele Scholz & Ralf Wierzbowski, Produzentengallerie Kunstwechsel, Aachen

2014
Viecher und wir, Gruppe Zweifellos, Petrikirche, Mühlheim an der Ruhr

2014
neogene “Brainville”, CD cover & booklet

2014
Carte Blanche VI, 28 Künstler-Positionen zum Thema “Schutzraum”
Baukunstwerk St. Fronleichnam, Aachen

2014
GRO?RAUM, Bernd Radke & Ralf Wierzbowski, Produzentengalerie Kunstwechsel, Aachen

2013
AHHA, “Die Heißen Quellen Aachens”,
Kurator: Wolfgang Becker, Aachen

2013
Arbeiten 2011-2013, projektartgalerie, Bielefeld

2012
Losigkeit, die3,Bernd Radke, Michael Dohle, Ralf Wierzbowski, Atelierausstellung, Aachen

2012
transfer, Galerie Artco, Herzogenrath

2012
CARTE BLANCHE V, 14 KUNSTDIALOG-STATIONEN Baukunstwerk St. Fronleichnam, Aachen

2011
Kunstroute Eurode, Baalsbruggermolen, Kerkrade

2011
Kulturwerk Aachen, nature morte

2010
Kunstroute Eurode, Botanischer Garten, Kerkrade

2010
Grünenthal, Aachen, Begegnung – Fotografie trifft Malerei

2006
Projektbezogene Mitarbeit im Unternehmen Dohmen, Herzog & Partner, Aachen

2004
Management Coaching, Praxis Nyssen, Aachen

2001
Arcadia, Köln

2001
Auftragsarbeit für Parkhotel Ostfildern, Stuttgart

2000
Euro Welt: Europa malt für krebskranke Kinder
Dresdner Bank AG, Aachen, Köln, Frankfurt Kulturmeile

1999
Elisabethhalle, Aachen

1999
Pegasus Aachen, Wenn der Himmel die Erde berührt

1995
Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, Hilfe für Tuzla

1995
Arbeiten am Zyklus Seelenlandschaften

1995
Zusammenarbeit mit CreaTV, Hans Meiser, Köln und Bärbel Schäfer, Köln

1993
Galerie Leuchter & Pelzer, Düsseldorf

1991
NAK, Neuer Aachener Kunstverein, die anderen 10

1991
Art Expo, Tokio

1990
Galerie 33, Aachen

1989
Galerie Niagara, Düsseldorf

1989
Art Expo, New York

1988
Galerie 33, Aachen und Mönchengladbach

Ausstellung

Ankündigung:

Quartier Geleen in der Euregio

2 Künstler aus Aachen in Geleen

Ulf Hegewald Skulpturen   –   Ralf Wierzbowski Gemälde

 

1 bis 29 Juli 2017

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Zu den jüngsten Werken Ralf Wierzbowskis

Im Blick der Gesellschaft genießen Künstler ihre außergewöhnliche Freiheit als Einsame. Als Schüler einer Akademie sind sie noch in der Gruppe ihrer Kommilitonen in Meisterklassen aufgefangen, in der sie den Wettstreit kennen lernen, Als Autodidakt, als einer, der nicht Künstler werden, sondern einen soliden Brotberuf ergreifen sollte, sind sie doppelt einsam.

Ralf Wierzbowski ist Elektroniker geworden, hat gelernt, virtuelle Räume zu entwerfen, Schautafeln, Leitbilder, in denen er Bewegungen und Kommunikationen organisiert. Er hat ein Defizit an Sinnlichkeit  entwickelt und  eine folgenreiche Sensibilität. Daraus sind Bildgruppen entstanden:

  1. Er fand 2011 einen toten, verwesenden Vogel, hob ihn vorsichtig auf, gab ihm einen Platz in seinem Atelier, fotografierte ihn häufig und malte ihn. So fand der Melancholiker der französischen Romantik  Charles Baudelaire das Aas einer Hündin und schrieb  das berühmte Gedicht „La Charogne“ in den „Blumen des Bösen“  – mit jenem Vers:

„Die Formen schwanden hin,/ wie sie im Traum sonst schwanken,/ Wie ein Entwurf erst und ein Plan,/ auf längst vergessenem Blatt,/ der nur in den Gedanken / des Künstlers sich vollenden kann.“

Die Mischung von abstoßendem Ekel und anziehender Faszination mündet in Schwermut, Weltschmerz und Trauer über die Vergänglichkeit  seiner Geliebten – und aller Wesen und Dinge. Das ist eine andere Mischung als jene, die Künstler von Rembrandt bis Nitsch  mit Bildern von  aufgehängtem, geöffnetem Schlachtvieh zu erzeugen versuchten, in der sich Entsetzen vor blutenden Wunden und orgiastische Lust begegnen.

In der modernen Mediengesellschaft  haben sich Empfindungen differenziert, Schönheit, die Begehren erzeugt,  und Hässlichkeit, die abstößt, können sich umkehren. Ein Bild wie „Scheißhaufen. Inselbild“ von Diter Rot in der Sammlung Falkenberg steht für eine ästhetische Ambiguität, für Schönheit im Ekel. Anders als der „Scheißhaufen“ zeigt das Bild des toten Vogels gestuell eher den Grad der Erregung des Empfindenden als den Gegenstand der Irritation.

  1. Die Serie „Fleisch Bar“ besteht aus übermalten Fotografien von Schlachtvieh (Huhn, Schwein, Ochse, Fisch)  auf Aluminium. Sie ergänzen als feste, andauernde Bilder einen Film, der in schneller Folge polarisierter – man möchte sagen: entfleischter – Bilder die Verarbeitung und Präsentation der Ware  Schlachtvieh vorführt.

Die fröhliche Unbekümmertheit, deren Ausdruck in den Gemälden alter Meister von geschlachteten Tieren überwog, ist einem Unbehagen gewichen, das die Bilder Wierzbowskis nur bestätigen.

Es  spiegelt sich in der spontanen, ruppigen Zeichnung und Malerei der Bilder und in dem perfiden violetten  Glanz, den ihr  metallischer Grund aufscheinen lässt.

  1. „Die Formen schwanden hin,/  wie sie im Traum sonst schwanken….“  Wie von jenem toten Vogel so hat Wierzbowski auch von einer toten Libelle Hunderte von Fotos gemacht und einer andauernden Bewunderung Ausdruck gegeben  - für die zerbrechliche Schönheit ihrer Flügel, für die zartgliedrigen Konstruktionen dieser Flugkörper, ihre Biegsamkeit – und der Trauer um ihr Entgleiten und Entschwinden. Einige hat er für die Öffentlichkeit vergrößert und auf Aluminium aufgezogen, ohne sie zu verändern. Seine Empfindungen fanden hier keinen Feind wie dort in der Fleischindustrie oder im Straßenverkehr. Sein Blick ist nicht auf den Körper des Insektes  gerichtet, sondern projiziert die Flügel in den Luftraum zurück, für den sie geschaffen sind. Die Bilder sind heiter und scheuen nicht einen Ausdruck von Eleganz.
  1. Es wird deutlich, dass Wierzbowski nicht Wesen und Dinge interessieren, die sich in drastischer Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit präsentieren. Übergänge, Veränderungen, Zustandswechsel herrschen in den Bildern, den stehenden wie den fließenden, vor. Ein Junge – hier ein Kind, dort ein Jugendlicher – erscheint und entschwindet in mehreren seiner neuen Bilder wie das Objekt einer Begegnung, die ihn in seine eigene Kindheit zurückführt; und in den Erinnerungen tauchen Konflikte, Verletzungen und ihre Verdrängungen so auf, dass manche der Tafeln wie übermalt erscheinen – Gespensterbilder nennt man solche, aus deren Tiefe mit der Zeit  verdrängte Gestalten wieder auftauchen: die Familie in „Save“ (Sparen, aber auch Retten): eine Gruppe von Rückenfiguren wie Graffiti auf einer Schiefertafel;  in „Junge mit Schaukel“ der weiße Schatten in einem großen schwarzen Bild, der  neben  dem Schemen einer Schaukel erscheint;  im Film  schaukelt das Kind  - Schnitt - die Schaukel schwingt leer aus. Man blickt auf diese Szene im Bild durch eine gespannte Transparentfolie wie durch eine regennasse Fensterscheibe. Ein rotes großes X löscht sie aus.

Die Betroffenheit des Betrachters verwandelt sich in Furcht und Abscheu vor der Tafel des heftig ins Bild gesetzten Jungen mit der Pudelmütze, der mit der linken Hand eine Pistole ungeschickt hebt. Im Film läuft er damit durch Wald und Gestrüpp bis in eine Stadtlandschaft hinein, tänzelnd und ziellos um sich schießend (die Tonspur ist terrorisierend), als lebte er Frustrationen in einer richtungslosen Gewaltfantasie aus. Auch er verschwindet plötzlich; der Betrachter des Bildes hält sich lächelnd an dem pinkfarbenen Bommel der Pudelmütze fest.

Dem Jungen mit der Pistole steht das Kind mit dem Stock gegenüber. Auslöser war ein Spiel mit einem Stock am Rheinufer. Der kleine Film löste eine Bearbeitung und ein Bild aus, in dem die kleine Figur in sich versunken ungelenk einen Stock wie einen Golfschläger zu schwingen versucht. Die Geste allein – der linke Arm, der verdrehte Handgriff – ist eine Behauptung, ein Statement gegen die normiert richtige Bewegung nicht anders als die Sprache des Körpers, die ganz in sich selbst gewendet ist. Als Foto würden wir es einen Schnappschuss nennen. Aber kann man einen Schnappschuss malen?  Es ist, als suchte Wierzbowski Bewegungen, die nicht sichtbar sind.

  1. „Wie viel Schatten braucht Hell?“ ist eine senkrechte oder waagerechte Reihe von  sieben gleich großen weißen Tafeln, fünf sind in Varianten so schwarz bemalt, als verberge ein schwarzes Tuch ein Gesicht (eine Erinnerung an das Schweißtuch der Veronila), eine trägt eine Totenmaske, und die ist auf das siebenten Bild gerichtet, an deren Rand sich eine  Kopfsilhouette  als schwarze Linie abzeichnet. Die Totenmaske ist hier das konkreteste Abbild des Menschen, der sich in Übergängen zwischen Erscheinen und Entschwinden bewegt.

Wer das große schwarze Bild „mit den drei Augen“ von der Seite betrachtet, steht vor einer disharmonisch bewegten Landschaft, auf der sich ein großes Fragezeichen auszubreiten scheint.  Sie ist wie ein dichter „Vorhang“ über das Bild gebreitet und lässt nur wenige weiße Lichtsplitter durch – darunter jene drei „Augen“, die wie aus einem Purgatorium herausschauen.

Es sind melancholische Motive, die Wierzbowski in seinen Arbeiten der letzten zwei Jahre bearbeitet: der verwesende Vogel, die tote Libelle, Fleisch Bar, das Kind und der Junge, die sich mit Erinnerungen  mischen, Entrücken und Tod.

Sie entsprechen den Selbstdarstellungen in seiner Webseite: das halbe Gesicht, der Mann „zwischen Tür und Angel“. Ralf Wierzbowski  ist 1964 geboren, seit 1988 Künstler und hat  seit 1989 an zahlreichen Ausstellungen mitgewirkt. Er ist auch Maler und Zeichner, Fotograf und Videograf, Komponist, Objekt- und Installationskünstler. Er malt spontan und expressiv, überwiegend schwarz auf weißem Grund, er übermalt Fotos auf Aluminium und erarbeitet hybride, polarisierte Videobilder. Er versucht, feste und fließende Bilder in gestalteten Environments so zusammen zu binden, dass sie gleichwertig wahrgenommen werden, und experimentiert ebenso mit Beamern, digitalen Bilderrahmen und Requisiten, um Szenen aufzubauen, die starke Empfindungen auslösen.

Die „Schwarze Galle“, die Melancholie ist ein starkes Fundament künstlerischer Arbeit. Nicht nur Baudelaire und Michelangelo waren Melancholiker, Dürer hat die „Melencolia“ in einer berühmten Allegorie mit etlichen bis heute ungelösten Rätseln ausgerüstet. Ralf Wierzbowski ist in guter Gesellschaft.

Wolfgang Becker

September 2013 in Aachen

Biografie

Ralf Wierzbowski
geboren 1964 in Aachen | künstlerisch tätig seit 1987

2016
Viecher und wir,Gruppe Zweifellos, TUFA Kultur- und Kommunikationszentrum, Trier

2016
Marlies Seeliger-Crumbiegel Kunstpreis

2015
Kunstquelle Aachen, Galerie 45, Aachen

2015
Helden,Brele Scholz & Ralf Wierzbowski, Produzentengallerie Kunstwechsel, Aachen

2014
Viecher und wir, Gruppe Zweifellos, Petrikirche, Mühlheim an der Ruhr

2014
neogene “Brainville”, CD cover & booklet

2014
Carte Blanche VI, 28 Künstler-Positionen zum Thema “Schutzraum”
Baukunstwerk St. Fronleichnam, Aachen

2014
GRO?RAUM, Bernd Radke & Ralf Wierzbowski, Produzentengalerie Kunstwechsel, Aachen

2013
AHHA, “Die Heißen Quellen Aachens”,
Kurator: Wolfgang Becker, Aachen

2013
Arbeiten 2011-2013, projektartgalerie, Bielefeld

2012
Losigkeit, die3,Bernd Radke, Michael Dohle, Ralf Wierzbowski, Atelierausstellung, Aachen

2012
transfer, Galerie Artco, Herzogenrath

2012
CARTE BLANCHE V, 14 KUNSTDIALOG-STATIONEN Baukunstwerk St. Fronleichnam, Aachen

2011
Kunstroute Eurode, Baalsbruggermolen, Kerkrade

2011
Kulturwerk Aachen, nature morte

2010
Kunstroute Eurode, Botanischer Garten, Kerkrade

2010
Grünenthal, Aachen, Begegnung – Fotografie trifft Malerei

2006
Projektbezogene Mitarbeit im Unternehmen Dohmen, Herzog & Partner, Aachen

2004
Management Coaching, Praxis Nyssen, Aachen

2001
Arcadia, Köln

2001
Auftragsarbeit für Parkhotel Ostfildern, Stuttgart

2000
Euro Welt: Europa malt für krebskranke Kinder
Dresdner Bank AG, Aachen, Köln, Frankfurt Kulturmeile

1999
Elisabethhalle, Aachen

1999
Pegasus Aachen, Wenn der Himmel die Erde berührt

1995
Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, Hilfe für Tuzla

1995
Arbeiten am Zyklus Seelenlandschaften

1995
Zusammenarbeit mit CreaTV, Hans Meiser, Köln und Bärbel Schäfer, Köln

1993
Galerie Leuchter & Pelzer, Düsseldorf

1991
NAK, Neuer Aachener Kunstverein, die anderen 10

1991
Art Expo, Tokio

1990
Galerie 33, Aachen

1989
Galerie Niagara, Düsseldorf

1989
Art Expo, New York

1988
Galerie 33, Aachen und Mönchengladbach

Ausstellung

Verleihung des Marlies-Seeliger-Crumbiegel-Preises 2016 an Sabine Jacobs und Ralf Wierzbowski
Feierstunde zur Preisverleihung und Vernissage der „Ausstellung der Marlies-Seeliger-Crumbiegel Preisträger 2016“ am 17. April 2016, 11.00 h, im Schloss Zweibrüggen, Übach-Palenberg.
Die Ausstellung ist für die Öffentlichkeit vom 17. April bis 15. Mai 2016 zugänglich.

Übach-Palenberg Der „Marlies-Seeliger-Crumbiegel Preis 2016“ wird in diesem Jahr an Sabine Jacobs (1966) und Ralf Wierzbowski (1964) verliehen. Die Jury des Marlies-Seeliger-Crumbiegel-Preises 2016 – Prof. Dr. Wolfgang Becker, Gründungsdirektor des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen i. R., Aachen, Dr. Annette Lagler, Ludwig Forum Aachen, und Hermann Josef Mispelbaum, Künstler, Übach-Palenberg - wählte die beiden sehr unterschiedlichen künstlerischen Positionen aus insgesamt über 80 Bewerbungen aus.

Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert. Der Jury musste ein etabliertes und professionelles Werk vorgewiesen werden, das eine eigenständige Formensprache aufweist. Diese sollte aktuelle, gegenwärtige Ausdrucksformen mit gültigen Kriterien der Kunst verbinden, die sich vorübergehenden, tagesaktuellen Trends entziehen. Nachzuweisen war dies auch mit überregionalen Ausstellungen.

Am 17. April 2016 um 11.00 Uhr findet die Preisverleihung im Schloss Zweibrüggen, Übach-Palenberg statt. Zugleich wird die Ausstellung (14.04. - 15. Mai. 2016) zum Werk der beiden Preisträger eröffnet.

Der Vorsitzende des Künstler-Forum Schloss Zweibrüggen e.V., Professor Dieter Crumbiegel, wird zusammen mit dem Bürgermeister der Stadt Übach-Palenberg, Wolfgang Jungnitsch, alle Gäste begrüßen und als Moderator durch das Programm führen. Dr. Richard Nouvertné, Vorsitzender der Sparkassen Kunststiftung und damit einer der großen Sponsoren dieser Veranstaltung sowie der Arbeit des Künstler-Forums Schloss Zweibrüggen, wird danach zu dem Auditorium sprechen.

Die Einführung in die Arbeiten von Sabine Jacobs wird von Frau Dr. Annette Lagler vorgenommen werden, in die Arbeiten von Ralf Wierzbowski führt Professor Dr. Wolfgang Becker ein.

Zur Preisverleihung, Vernissage und zur Ausstellung lädt das Künstler-Forum herzlich ein. Öffnungszeiten sind jeweils freitags, samstags und sonntags von 14.00 h – 18.00 h geöffnet. Zusätzlich ist am Sonntag, 01. Mai 2016, während der KunstTour Heinsberg 2016 die Ausstellung von 11.00 bis 18.00 h geöffnet. Die Künstler werden an diesem Sonntag persönlich anwesend sein. Der Eintritt ist frei.
Geilenkirchen, den 12. Februar 2016

Günther Thiel, Künstler-Forum Übach-Palenberg Schloss Zweibrüggen, von-Humboldt-Str.90, 52511 Geilenkirchen
Tel.: 02451/5473, FAX: 02451/5528 E-Mail: thielkti@t-online.de